25 Jahre in Heide

1995. In den Heider Kirchengemeinden herrscht Unruhe. Erst kürzlich hatten sich die ursprünglich sieben Gemeinden zu nur noch vier zusammengeschlossen. Das bedeutete Umgewöhnung und brachte auch schwierige Entscheidungen mit sich. Pastor Dietrich Schrader aus dem Pastorat Süd verstarb auf dem Weg zu einem Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr. Und nun besetzt der seinerzeit mit Alphamännchen reichlich gesegnete Kirchengemeinderat die freie Stelle ausgerechnet mit einer Frau. Astrid Buchin, damals noch Gerken mit Nachnamen, trat als 31jährige ihren Dienst als erste Heider Gemeindepastorin an. Das ist 25 Jahre her. 25 Jahre, in denen viel passiert ist. Aber der Reihe nach.

Nach dem Abitur zog es Astrid Buchin zum Studium nach Heidelberg und Kiel. Und weil der Geburtenjahrgang 1964 ein sehr starker war, fand damals nicht jeder Theologiestudent sofort einen freien Vikariatsplatz. Astrid Buchin blieb zunächst in Heidelberg, verdiente ihr Geld als Mitarbeiterin eines Fahrradgeschäftes mit dem Verkauf und der Reparatur von Fahrrädern. Schließlich führte es sie in ihre Ausbildungsgemeinde nach St. Peter-Ording an die Nordseeküste und anschließend zu ihrer ersten Pfarrstelle Ockholm im nordfriesischen Nirgendwo irgendwo zwischen Ockholmer Koog und Hauke-Haien-Koog. Eine kleine Gemeinde mit einem großen Pastorat auf der Kirchwarft, drumherum der Bäcker und die Dorfkneipe. Die Katze leistete Astrid Buchin zwar Gesellschaft, mit den Gemeindemitgliedern verstand sie sich immer besser, die Arbeit machte Spaß – und doch entsprach es nicht ihrem Lebensplan, allein auf einer beschaulichen Kirchwarft alt zu werden. Trotz der einmaligen Gegend, die sie und ihre Familie heute noch lieben.

So fand sich der Weg nach Heide. Der damalige Propst des Kirchenkreises Norderdithmarschen, Jürgen Schulz, bereitete ihr in der Gemeinde „eine breite Landebahn“, wie sie heute sagt. Im privaten tat dies Werner Buchin, den sie in der Heider Kantorei kennenlernte, heiratete und mit ihm eine Familie gründete. Als Gemeindepastorin widmete Astrid Buchin sich neben der Musik vor allem der Jugendarbeit – Jugendgottesdienste, Fahrten, Begegnungen, Taizé-Fahrten, Segeln vor der holländischen Küste, all dies stellte ein enormes Angebot dar, ebenso der Konfirmandenunterricht mit all seinen Erlebnissen, Wochenenden und Treffen. Dankbar ist sie für das Miteinander von Haupt- und Ehrenamt in Heide: „Die Heider Kirchengemeinde ist gesegnet mit Ehrenamtlichen, die sich über die Maßen einbringen, loyal sind, sich mit Kirche vor Ort identifizieren und unglaublich viel leisten“, hat Astrid Buchin in den vielen Jahren dankbar festgestellt. Gerade in Zeiten von Fusionen sei das Ehrenamt eine Herausforderung: Erst Mitte der 1990er Jahre die Zusammenlegung der sieben Heider Gemeinden zu vier, dann die Fusion der Kirchenkreise Norder- und Süderdithmarschen 2009 und schließlich 2014 die Fusion aller Heider Gemeinden zu einer großen – einschließlich der Aufgabe des Gemeindehauses Butendiek. „Das waren zum Teil schmerzhafte Schritte, die wir gehen mussten.“

Auch privat gab es nicht immer nur eitel Sonnenschein: Ihre dritte Schwangerschaft endete viel zu früh. „Danach sprachen mich viele Frauen an, die dasselbe erlebt hatten und nicht wussten, wohin sie Zeit ihres Lebens mit sich und ihrer Trauer sollten. Solange man nicht selbst betroffen ist, verdrängt man doch ein bisschen, dass jede zweite Schwangerschaft statistisch gesehen nicht gut endet.“ Dieses persönliche Erlebnis und die zahlreichen Gespräche mit betroffenen Frauen waren für Astrid Buchin der Anlass, sich für ein Gräberfeld für Fehl- und Totgeburten auf dem Heider Südfriedhof einzusetzen. 2001 gelang das. Friedhof, Klinik, Klinikseelsorge, Hebammen, Pastoren und Bestatter – alle ziehen bei diesem traurigen und sensiblen Thema an einem Strang.

Der Abschied vom Leben gehört bei der Kirche genauso dazu wie das fröhliche Leben: „Kirche ist für mich ein Ort, der Spaß macht, wo man mit anderen Menschen Gemeinschaft erlebt und wo es toll ist, gemeinsam Gottesdienste zu feiern.“ Dabei müssen es nicht immer Gottesdienste sein: In zwei weiteren Bereichen, in denen Astrid Buchin sich auf Kirchenkreisebene engagiert, nämlich im Jugendwerk und in der Urlauberseelsorge, gibt es ebenso niedrigschwellige Angebote und zum jeweiligen Moment des Lebens passende seelsorgliche Angebote. „Das alles ist eine großartige Äußerung kirchlichen Lebens.“ Überhaupt findet sie, dass niedrigschwellige Angebote die Menschen dort abholen, wo sie Kirche möglicherweise nicht erwarten. „Wir müssen uns auch um die kümmern, die der Kirche nicht ohnehin schon eng verbunden sind“, sagt sie. Als stellvertretende Pröpstin des Kirchenkreises Dithmarschen gestaltet sie ebenso das musikalische Leben mit, freut sich über die Popularmusikerinnen im Kirchenkreis, nimmt sich der Fragen rund um die Bestattungskultur und die Zukunft der Friedhöfe an, gestaltet und organisiert verantwortlich und verantwortungsbewusst mit, setzt sich ein und bietet Kirche als Gesprächspartner an: „Wenn die Menschen sehen, dass wir sie ernstnehmen. Wenn sie spüren und erfahren, dass wir für sie da sind, dann kann das eine Basis für das Leben sein.“ Die Zeiten, in denen Kirche sich den Menschen gegenüber konservativ, nicht barmherzig oder vielleicht gar nicht gezeigt hat – die sind längst vorbei. Und dafür wird Astrid Buchin auch weiterhin sorgen. In „ihrer“ Kirchengemeinde Heide, aber auch auf Kirchenenkreisebene.